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Bötzowviertel

Gehen – Kommen – Bleiben

Ein Kiez erfindet sich  neu

Das Bötzowviertel erlebte die typischen Veränderung aller Prenzlauer Berger Sanierungsgebiete seit Mitte der 90er Jahre. Mit der baulichen Aufwertung der Wohngebäude und der öffentlichen Infrastruktur vollzog sich eine soziale Umschichtung der Bewohnerschaft. Gentrifizierung ist der Begriff für derartige stadtpolitisch problematischen Veränderungsprozesse, die nach jahrelangen offiziellen Leugnen heute kaum noch jemand abstreitet. Die Sanierung der gründerzeitlichen Wohnblöcke mit den typischen Begleiterscheinungen von stark steigenden Mieten, von Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen und sozialer Verdrängung ist nahezu vollständig durch. Anderseits nahm aber diese zwiespältige Entwicklung im Bötzowviertel nach meiner Wahrnehmung doch einen besonderen Verlauf. Subjektiv betrachtet: In keinem anderen der Prenzlauer Berger Kieze habe ich heute so viele Freunde und Bekannte, die auch schon vor 1990 im Prenzlauer Berg wohnten.

Das mag damit zu tun haben, dass das Bötzowviertel auch in DDR-Zeiten ein beliebtes Wohnviertel war. Denn in einigen Straßenzügen waren hier Qualität und Gebäudesubstanz der Wohnhäuser besser als beispielweise im Winsviertel oder in den Straßen des „LSD-Viertels“ um den Helmholtzplatz. Wer hier eine der großzügigen Wohnungen bewohnt, nahm viel auf sich, um hier bleiben zu können.

Sanierungsgebiet Bötzowviertel 1995 – 2011
Bildschirmfoto 2016-08-18 um 17.50.11Ein anderer Aspekt war vermutlich, dass das Bötzowviertel erst im Oktober 1995 als letztes Prenzlauer Berger Wohnviertel als Sanierungsgebiet festgesetzt wurde. Dabei wurde im Unterschied zu den anderen Quartieren das Sanierungsgebiet in der Abgrenzung stark reduziert, so dass die Hälfte des Bötzowviertels außerhalb blieb. Im Rahmenplan gut erkennbar, blieben bis auf einen Block alle Grundstücke östlich der Bötzowstraße ausgespart. Dieses Vorgehen wurde seinerzeit von den Bürgerinitiativen scharf kritisiert. Aber dem Land Berlin war nach dem überambitionierten Start Anfang der 90er Jahre (mit der Olympia-Bewerbung und anderen Größenwahnprojekten) das Geld ausgegangen.

Als das Sanierungsgebiet Ende Dezember 2011 wieder aufgehoben wurde, waren zwar erhebliche Summen an Fördermittel verausgabt worden, aber dennoch blieb manches Sanierungsziel unerledigt. Das führte zu heftigen Diskussionen, in denen insbesondere die Betroffenenvertretung Bötzowviertel darauf drängte, dass bestimmte Vorhaben noch realisiert werden. So wurde z.B. die neue Jugendfreizeiteinrichtung in der Pasteuerstraße durchgesetzt. Auch die Sanierung des Schulgebäudes der ehemaligen Pasteuer-Oberschule mit dem angrenzenden Sporthallenneubau in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße sind Maßnahmen, die Sanierungsziele im Nachgang erfüllen sollen. Dabei spielt die Tatsache eine Rolle, dass das Bötzowviertel zum Stadtumbaugebiet Prenzlauer Berg gehört und auch nach Aufhebung des Sanierungsgebiets Nutznießer von Städtebaufördermitteln ist. Für die Sanierung des Arnswalder Platze hätte der Bezirk Pankow sonst kaum die Mittel aufbringen können. Auf der Web-Seite von SenStadt findet man einen virtuellen Kiezrundgang, der dem Betrachter die Ergebnisse der Stadterneuerung vor Augen führen soll.

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Sporthalle Bonhoeffer-Str. 1. Spatenstich am 18.08.2016

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… mit Buffet

Dass auch nach der Aufhebung weiterhin erheblich Fördermittel in das Bötzowviertel fließen und so zur weiteren Aufwertung beitragen, kann hinsichtlich der sozialen Folgen Bedenken auslösen. Aber gute und funktionsfähige Schulgebäude, Sporthallen oder ein sanierter Arnswalder Platz sind Gemeingüter für alle Bewohner. Die Ursachen der sozialen Verdrängung liegen in der Bodenspekulation und im Immobilienhandel.

Milieuschutzgebiet

Die immobilienwirtschaftlichen Umbruchprozesse mit ihren negativen sozialen Folgen sind im Bötzowviertel wie andernorts in Berlin noch nicht an ihrem Ende angekommen. Dachgeschossausbau und eine zweite  Sanierungswelle mit höheren Ausstattungsstandards und blühender Immobilienhandel mit Wohnungen nicht nur für Anleger sondern auch für Selbstnutzer verändern den Kiez weiter. Der Bezirk hat zwar eine Milieuschutzsatzung für das Bötzowviertel erlassen, aber zu einem ist dieses Instrument nur von begrenzter Wirksamkeit und zum anderen wird es vom Bauamt unter Leitung des BzStR Kirchners nicht konsequent restriktiv angewandt.

Ost-West-Teilung anderer Art

Bei alledem darf nicht übersehen werden, dass Bötzowviertel nicht homogen ist. Es gibt im Bötzowviertel eine „Ost-West-Teilung“ – ebenfalls als Folge des zweiten Weltkriegs, aber nicht auf Grund der politischen Ost-West-Teilung der Welt, sondern weil in den letzten Kriegswochen der östliche Teil an der Kniprodestraße in Schutt und Asche versank. Es gibt ein eindrucksvolles Panorama Bild des Fotografen Fitz Tiedemann von der Ecke Kniprode-/Hufelandstrasse/ Am Friedrichshain, welches die Ausmaße der Verwüstung zeigt.[1] 

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Aus dem Buch zur Ausstellung …

Die Bebauung zwischen Hans-Otto-Straße und Kniprodestr. entstammt dem Wiederaufbau der 1950/60er Jahre und viele dieser Häuser gehören der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GEWOBAG. Der östliche Teil des Kiezes ist auf Grund der andersartigen Baustruktur und der Eigentümerschaft von den gravierenden Verdrängungsprozessen ausgenommen geblieben.

Das Gegenstück sind am westlichen Ende des Bötzowviertel die „Schweizer Gärten“, die seit der Errichtung einer in sich geschlossenen Wohneigentumsanlage „Prenzlauer Gärten“ heißen.

Bleiben – Gehen – Wiederkommen

71-103594289--null--08-08-2016-20-55-38-424-Eine langjährige Bewohnerin des Bötzowviertels, die Autorin Anett Gröschner, hat ihre Vertreibung aus dem Kiez öffentlich verarbeitet: Entmietung, Entwurzelung und Vertreibung. Oft ist das Gegangen-werden nicht nur ein Wegzug, sondern verbindet sich mit einem emotionalen Bruch mit dem Kiez, der nicht mehr der alte ist. Mein Bötzowviertel ist nicht Dein Bötzowviertel – könnte man in Abwandlung eines Spruchs von Annett Gröschner formulieren.

IMG_7321Ein anderer alter Bekannter hat in einer Spiegel-Kolumne (Alexander Osang, Leitkultur: Wilde Pferde, Spiegel 19/2016) erzählt, wie er am 1. Mai 2016 mit dem Tennisschläger in der Hand durch das Mai-Fest der LINKEN an der Bötzow-Eiche zu den Tennisplätzen jenseits der Straße Am Friedrichshain spazierte. Er machte sich so seine Gedanken, über seinen nicht proletarischen Freizeitsport am Kampftag der Werktätigen. Alexander ist nach seinem langen New York – Aufenthalt in den Kiez zurückgekommen.

Ein anderer Bötzowviertel-Rückkehrer ist Harf Zimmermann. Allerdings erst einmal nur mit seinem Atelier in die Hans-Otto-Straße. Harf Zimmermann hat vor einigen Jahren ein interessantes Fotografie-Projekt über die Hufelandstraße realisiert. Bei dem er Fotos aus den 80er Jahren (Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig), als er hier wohnte, Fotos aus dem Jahr 2009 mit den gleichen Motiven gegenüberstellte. „Hufelandstrasse | Berlin | 1055“. Es geht nicht nur um den Wandel der Gebäudefassaden und die Schließung mancher kriegsbedingter Lücke, sondern um die Veränderung in der Nachbarschaft. Früher war nicht alles besser, aber vieles sehr anders.

Pro Kiez

IMG_0137Im Botzowviertel gibt es seit Jahren eine bemerkenswert aktive Nachbarschaft. Im Kiezverein Pro Kiez Bötzowviertel eV engagieren sich angestammte und zugezogene Kiezbewohner gemeinsam für die Belange ihres Kiezes. Die GärtnerInitiative Arnswalder Platz pflegt seit Jahren in enger Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt den Arnswalder Platz und bringt sich derzeit aktiv in dessen Neugestaltung ein.

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IMG_7332Der ehrenamtliche Betrieb der Kurt-Tucholsky-Bibliothek die außerordentliche Leistung der Bürger des Bötzowviertels. Dieses Engagement hat etwas ermöglicht, was mir als seinerzeit zuständiger Bezirksstadtrat mangels finanzieller Mittel und die politischen Mehrheiten nicht gelungen ist. In der Folge bemühte ich mich als Stadtrat die ehrenamtliche KTB vor  Angriffen aus Pankow und aus anderen Bezirken zu schützen.
Daraus ist zu lernen, dass alle Politiker, auch die wohlmeinendsten, unter politischen und finanziellen Rahmenbedingungen handeln. Diese sollten allerdings nicht die Maßstäbe für das Handeln der Bürger sein, wenn sie Gemeininteressen verfolgen, die mit diesen Rahmenbedingungen kollidieren. So kann man Rahmenbedingungen ändern.

Wir waren uns seinerzeit einig, dass die ehrenamtlich betriebene Bibliothek nur das Überleben der KTB sichern sollte, bis sich die Ausstattung der Bezirke mit finanziellen Mitteln für Kultur und Bildung wieder bessere. Die finanzielle Situation des Bezirks Pankow hat sich erheblich verbessert, aber die Lage der KTB nicht. Angriffe auf die KTB als Bibliotheken im Verbund der öffentlichen Bibliotheken (VÖB) gibt es weiterhin. Es ist höchste Zeit, dass sich hier etwas ändert.

 

 

[1] So weit kein Auge reicht. Berliner Panoramafotografien aus den Jahren 1949 – 1952. Aufgenommen von Fritz Tiedemann. Rekonstruiert und interpretiert von Arwed Messmer. Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung in der Berlinischen Galerie. 2.11.2008 – 16.2.2009. Berlinische Galerie / DuMont Verlag, Berlin / Köln. 2. Aufl. 2009.